Avas Rede zum Bericht der Gleichstellungsbeauftragten

Die weiblichen Kreistagsabgeordneten und der Landrat posieren für ein Gruppenfoto. Der Lanrat hält eine Tasche mit der Aufschrift: "Halbe Macht den Männern".

Bei der 9. Sitzung des Kreistages am 26.03.2025, hielt Ava Hartmann folgende Rede zum zum Bericht der Gleichstellungsbeauftragten.

Als angehende Sozialökonomin war die Verlockung natürlich groß zu diesem Thema tief in die sozioökonomischen und -kulturellen Zusammenhänge einzusteigen.

Und wie meine Vorrednerinnen schon erwähnten, 28% Frauen im Kreistag 0% Frauen im Präsidium dieses Kreistages, ein angehender Bundeskanzler, der meint mit einer paritätisch besetzen Bundesregierung täte man „den Frauen“ keinen Gefallen.

Das ist beschämend.

All das könnte ich jetzt in den systemischen Kontext unserer patriarchal geprägten Gesellschaftsstruktur setzen.

ABER

Was mir – neben dem Impuls zur Analyse –
bei diesen Zuständen im Jahr 2025 hauptsächlich in den Sinn kommt
(und da wird es Vielen wahrscheinlich ähnlich gehen):

Was für eine Unverschämtheit!

Deshalb möchte ich mal kurz auf der persönlichen Ebene einer halbwegs jungen, in den 90ern geborenen Frau bleiben:

Viele unserer Eltern (in dieser Generation) und grade unsere Väter hatten die besten Intentionen, indem sie uns mit dem Selbstverständnis, ja mit dem Versprechen, erzogen haben:

Du kannst werden was du willst, sein wer du willst, (im besten) Fall auch lieben wen du willst.

Und das haben wir geglaubt. Warum auch nicht.

Als ich jedoch älter wurde, konnte ich nicht umhin zu bemerken, dass diese Annahmen auf nicht besonders stabilen Füßen standen, dass ich (wir) mal implizit, mal sehr explizit nicht mitgedacht wurden – nicht mitgedacht werden wollten, einfach so. Manchmal nicht einmal von uns selbst.
Ohne einen ersichtlichen Grund der sich auf unsere Fähigkeiten oder Persönlichkeit zurückführen ließ.

Dass unsere Weiblichkeit, Attraktivität oder Gebärfähigkeit nicht als Teil unserer Menschlichkeit sondern als Parameter unserer Abwertung oder Vergötterung
… aber auf jeden Fall nicht unserer Menschlichkeit gesehen werden.

Und natürlich ist das nicht absolut, nicht jeder oder jede denkt so, verhält sich so oder denkt und verhält sich immer so.

Sonst wäre ich nicht hier, sonst wären wir alle (Frauen) nicht hier (im Kreistag).

Aber dass es nicht immer so ist, reicht eben nicht.

Sonst wären wir Frauen überall angemessen repräsentiert und sonst wären wir auch hier mehr.  

Es gibt momentan eine immer lauter und aggressiver werdende Gruppe von reaktionären Menschen die ein Problem damit zu haben scheinen, dass sich die Gesellschaft dahingehend verändert, dass ein Versprechen von Deutungshoheit und Machtanspruch die ihnen vermeidlich zustünden, nicht mehr erfüllt wird.

Ihr Unmut darüber drückt sich unter anderem in den steigenden Zahlen an Frauenmorden, und politisch an Donald Trump, an Friedrich Merz, und der AfD aus.

…zur Begründung wird dann gerne sowas wie die Scheindebatten übers Gendern vorgeschoben.

Und dann frage ich mich:

Was ist denn mit meinem (mit unserem) Versprechen?

Unsere Eltern, (unsere) Väter – viele davon sie hier, meine Herren – haben uns ein Versprechen gegeben, dass sie nie einhalten konnten.

Weil sie es uns auf Basis der Annahme gegeben haben, dass es reicht, wenn WIR (Frauen) nur stark genug dran glauben – dann kommt es in Erfüllung.

– Und jetzt bin ich dann doch wieder bei der Soziologie angekommen –

Kein noch so großes Selbstbewusstsein kann über Jahrhunderte gewachsene, strukturelle Ungleichheit innerhalb einer Generation aushebeln. Punkt.
(Auch hier gilt; Ausnahmen bestätigen die Regel. Denn, gäbe es keine Regel, wären es ja keine Ausnahmen.)

Man könnte jetzt meinen, das muss ich ja hier niemandem erzählen.

Problem erkannt, Problem gebannt. Wie haben ja eine Gleichstellungsbeauftragte.

Aber auch sie ist in gewisser Weise ein Symbol dieses faulen Versprechens.
Eine einzelne Frau, die sich um die Aushebelung dieser besagten Strukturen in unserer Verwaltung kümmern soll.

Klingt irgendwie absurd. – daraus müssen wir Konsequenzen ziehen.

Und damit möchte ich in keinster Weise ihre Arbeit (Frau Philippsen) herabwürdigen, ich möchte ihnen mehr noch, für ihre Arbeit ausdrücklich danken!

Gleichzeitig sollte klar sein, das Problem ist erst dann gebannt, wenn ihr Job überflüssig geworden ist.

Denn eigentlich müssten wir alle (die wir denken „eine Gleichstellungbeauftragte ist eine gute Idee“) selber Gleichstellungsbeauftragte sein, und Frauen, nicht binäre und Trans-Menschen immer selbstverständlich mittdenken.

In der Zwischenzeit ermöglicht Corinna Philipsen uns als Gleichstellungsbeauftragte den Luxus, dies nicht permanent tun zu müssen.

Deshalb, hören wir auf sie, geben wir ihr die Ressourcen die sie braucht!

Tun wir das nicht, und sehen wir ihre Arbeit wohlwollend als `Nice to have´ oder sogar `Gedöns´, ist ihr Job nichts mehr als ein Feigenblatt.

Und ich denke, das wollen wir alle nicht.

Vielen Dank.